#shakespeare #hiphop #verrat

MC Jago

MC JAGO ist eine Geschichte über Freundschaft, Neid – und darüber, wie jemand aus unkontrollierten Gefühlen das zerstört, was ihn hätte glücklich machen können.

Die Inszenierung versetzt Shakespeares Othello in die Rap-Szene der Gegenwart und macht die klassische Geschichte damit einem jungen großstädtischen Publikum zugänglich. Hauptfigur ist dabei nicht der Titelheld, sondern Jago, den eine Mischung aus Bewunderung und Neid mit Othello verbindet. Ein Drama über Freundschaft und Schuld.

Wer spielt?

Mit einem Schauspieler, der dem jungen Fernsehpublikum durch seine ehemalige Rolle bei GZSZ bekannt sein dürfte, und einem HipHop-DJ und Beatboxer als Begleitung liefert diese Inszenierung Theater in einer Form, die die Sehgewohnheiten eines jungen Publikums aufgreift.

Wie klingt die Musik?

MC JAGO lebt von Wort und Spiel des Darstellers, ohne aufwändiges Bühnenbild. Die Erinnerungswelt, in der sich J bei seinem Monolog bewegt, stellen wir vor allem akustisch her. Was nahe liegt bei einer Geschichte, die unter Rappern, Soundbastlern, Musikern spielt. Mit J auf der Bühne steht daher ein DJ und Live-Elektroniker, der den Darsteller des Jago auf seiner Erinnerungsreise begleitet. Die Klangelemente bilden eine eigene Erzählebene, die die reale Situation immer wieder aufbricht. So wird aus der Bühne ein Kopfinnenraum, in dem heutige Rechtfertigungsversuche auf Klänge der schuldhaften Vergangenheit prallen.

Live begleitet von einem Rapper und Beatboxer entfaltet die Inszenierung einen Sog … steigert sich bis zum richtigen Rap-Hit.

Worum geht es in dieser Adaption?

Hip Hop-Szene. J und O machen seit der Schulzeit zusammen Musik. Auf Underground-Konzerte folgt das erste Lied im Radio, die ersten Auftritte auf großer Bühne, die erste Fernsehshow. O+J sind das neue heiße Ding. Es könnte ewig so weitergehen. Doch dann lernt J Dee kennen. Er stellt sie seinem Freund O vor – und der ist sofort in sie verliebt. Auf einmal geht es nicht mehr um das Duo O+J, jetzt ist Dee der Mittelpunkt in Os Leben. Und das erträgt J nicht.
Je mehr J darum kämpft, Dee zu verdrängen, desto mehr entfernt sich O von ihm. J sieht nur noch einen Ausweg: Er muss O einen Warnschuss verpassen, damit alles wieder wie früher werden kann. Ein inszenierter Autounfall soll den Freund zur Besinnung bringen. Doch Js Plan geht schief. Menschen sterben. Und O kommt in den Knast.

Erzählansatz

In dem er er dem Publikum erklärt, was damals zwischen ihm und O vorgefallen ist, versucht J sich selbst zu erklären, warum er seinen Freund verloren hat. Während er sein Leben Revue passieren lässt, versucht er zu verstehen, wie die Erfolgsgeschichte von O+J derartig aus dem Ruder laufen konnte.

Moral der Geschichte

MC JAGO ist ein Stück über den Umgang mit den Katastrophen, die man selbst verschuldet hat, und über die Schwierigkeit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Die Inszenierung endet mit der Frage, die J nicht loslässt: Was hätte ich anders machen können?

Bis zum Ende der eigenen Existenz

Felix Isenbügel überzeugt mit seiner intensiven Darstellung in „MC Jago“ im Q-Hof

von Sarah Kugler

Es ist ein leerer Blick, der am Ende übrig bleibt. Ein leerer Blick und ein gebrochener Mensch ohne Boden unter den Füßen. Ohne Perspektive, ohne Lösungen. Was überlebt, das ist nur die Bitterkeit über die vergangenen Entscheidungen. Der letzte Funken eines trotzigen Jugendlichen ist für immer weggewischt. Dabei ist gerade der so essentiell in Felix Isenbügels Spiel, ist es gerade der Trotz, den man ihm so gerne abkauft. Seine Figur „J“ im Stück „MC Jago oder mein Freund O“ – eine freie Adaption der Shakespeare-Tragödie „Othello“, die am vergangenen Sonntag Premiere im Q-Hof Theater hatte – ernährt sich quasi davon. Suhlt sich darin, versteckt sich dahinter und geht letztendlich daran zu Grunde.

Dabei fängt alles so gut an in dieser Geschichte, die „J“ den Zuschauern erzählt. Gemeinsam mit seinem Freund „O“ ist er seit der Schulzeit in der Berliner HipHop- Szene aktiv, ist einigermaßen erfolgreich mit ersten Mixtapes und genießt sein entspanntes Leben mit dem ein oder anderen Joint, aber ohne Termindruck. Irgendwann kommt sogar der große Ruhm – und mit ihm die Probleme. Nicht nur, dass sich „J“ zunehmend in den Hintergrund gedrängt fühlt, eifersüchtig wird auf „O“, nein zu allem Überfluss verliebt sich „O“ auch noch in „Dee“. „J“ sieht darin eine Gefahr für die langjährige Freundschaft – und intrigiert mit Geschick und böser Zunge – ganz wie sein Shakespear’sches Vorbild – gegen die Liebe der Beiden. Am Ende schreckt er auch vor drastischen Mitteln nicht zurück, um sein altes Leben zurückzubekommen.

Auf den ersten Blick ist es eine einfache Inszenierung, die Regisseur Kai Schubert da auf die Bühne gebracht hat: Die Bühne ist karg ausgestattet, bis auf einen Tisch und zwei Stühle gibt es kein Bühnenbild. An der Seite sitzen die Musiker des HipHop-Duos „dizzech + Qformat“, die das Stück mit ihren Beats begleiten, und auf der Bühne spielt einzig und allein Felix Isenbügel, ein junger Schauspieler, noch nicht mal ganz 30 Jahre alt, klein, eher zierlich. In seinem hippen Jogginganzug und dem weißen Unterhemd wirkt er fast ein bisschen verloren da vorne – aber nur bis er loslegt. Man muss loslegen sagen, denn einmal angefangen, ist er nicht mehr zu bremsen in seiner emotionalen Achterbahnfahrt, in seinem Chaos von Gefühlen und in seinem grandiosen Trotz, der immer mit da ist. Der wie ein Teufelchen auf seiner Schulter sitzt, in seinen Augen aufblitzt, sich in der tiefen Falte seiner Nasenwurzel sammelt und nicht nur einmal wie eine Pistole verbal durch den Raum schießt.

Isenbügel übernimmt die Verantwortung, die ihm dieses Einmannstück auferlegt, professionell. Mehr noch, er ist „MC Jago“. Inklusive all der präpotenten „Ey Alter“-Phrasen, den wütenden Rap-Zeilen erschafft er einen Aufsteiger auf dem zweiten Platz. Wandelt sich vom entspannten, nach Zuneigung suchenden Jugendlichen über den übermütigen Musiker bis hin zum vom Neid zerfressenen Intriganten und schafft es dabei, Mitgefühl für seine Figur zu erregen.

Das ist erstaunlich, denn wirklich sympathisch ist die nicht. Eher immer ein bisschen zu viel von allem: er gibt an, er ist trotzig, ein Hochstapler und verrät letztendlich seinen besten Freund. Ein Ekel also. Doch da ist etwas in Isenbügels Spiel, in seinem Blick, das darüber hinwegsehen lässt. Er versteht es, Herz und vor allem echten Schmerz in diesen zwiegespaltenen Charakter zu legen und den Fokus auf das eigentliche Thema des Stücks zu lenken: Das Erwachsenwerden. Entlanggezeichnet an einer Freundschaft, die sich schon auseinanderbewegt, bevor „J“ seinen Verrat begeht und schließlich die daraus resultierende Strafe tragen muss. Zwei Menschen, die scheinbar den gleichen Lebensweg einschlagen und doch in unterschiedliche Richtungen driften – so sehr, dass einer auf der Strecke bleibt. Dieses Zurückbleiben zieht sich durch das Stück wie ein roter Faden und kulminiert in einem Shakespeare-Zitat, das immer wieder eingebaut ist: „Dann alsbald will ich mein Herz an meinem Ärmel tragen, als Fraß für Kräh’n. Ich bin nicht, was ich bin!“ heißt es da, erst dramatisch rezitiert, dann wütend gezischt und schließlich verbraucht hingehaucht. Wie ein dunkler Schmerz legen sich diese Worte auf Isenbügels Gesicht, bevor er sich erneut mit einem aufgemalten Grinsen in Erinnerungen flüchtet. So lange, bis es nicht mehr geht, die Erinnerungen aufgebraucht sind und eben nichts mehr bleibt, außer der Erkenntnis, am dunklen Ende der eigenen Existenz angekommen zu sein.

Erschienen am 21.08.2015 auf Seite 20

Interessiert an dieser Inszenierung?

Machen Sie einen Spieltermin aus!

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen